Selb

- die Porzellanstadt

 

 

Herausforderungen und Strategien

(Situationsbeschreibung zu Beginn des Forschungsfeldes)

Seit 150 Jahren ist die Entwicklung der Stadt Selb eng mit der Porzellanindustrie verbunden. Als 1857 Lorenz Hutschenreuther die erste Porzellanfabrik in der Stadt gründete, ahnte niemand, in welch enger Abhängigkeit sich Stadtentwicklung und Porzellanfabrikation am Ende des 20. Jahrhunderts befinden würden.

Porzellan wirkt heute noch stadtbildprägend im 17.300 Einwohner (Stand: Anfang 2000) zählenden Selb. Die Verwaltungs- und Produktionsstätten, so bekannter Unternehmen wie Hutschenreuther, Rosenthal und Heinrich, auf die in ihrer Blütezeit die Hälfte der deutschen Porzellanproduktion entfiel, sind nicht nur großflächig, sondern teilweise auch ungewöhnlich gestaltet.

Kunst im öffentlichen Raum weist häufig auf Porzellandesign hin, das Theater trägt den Namen "Rosenthal-Theater" und viele Hinweistafeln führen zu den Fabrikverkäufen der Porzellanindustrie. Selbst die Urheberschaft des Stadtentwicklungskonzeptes von 1967 - immerhin von Walter Gropius erarbeitet - ist ohne die enge Verbindung des Industriellen Philipp Rosenthal in die Künstler-Avantgarde nicht zu denken.

Die Absatzkrise der keramischen Industrie Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts verursachte in Selb eine beispiellose Zäsur in der Stadtentwicklung: Innerhalb von sechs Jahren verringerte sich die Beschäftigtenzahl um 19%, in der Folge verlor die Stadt 9% ihrer Einwohner. Zurückblickend auf die letzten drei Jahrzehnte reduzierte sich die Einwohnerzahl sogar um ca. 7.000. Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 12% und die Bevölkerung altert: 42% der Einwohner sind über 50 Jahre alt. Die Aufgabe großer Produktionsstätten hat - verteilt über die Stadt - große Industriebrachen hinterlassen. Der Einwohnerverlust wiederum führt zu hohen Leerständen im großen Mietwohnungsbestand der Stadt. So weisen der städtische Bauverein und die städtische Wohnungsbaugesellschaft ca. 10% bzw. 14% Leerstand auf.

Die Stadt Selb erarbeitet nun Bewältigungsstrategien für den durch wirtschaftlichen Strukturwandel verursachten Schrumpfungsprozess. Dabei stellen die geographische Randlage, das Einkommensgefälle zum 20 Kilometer nahen Tschechien und das Fördergefälle zum räumlich angrenzenden Thüringen zusätzliche Hindernisse dar. Entwicklungspotenziale für die Industriebrachen zu finden und einen stadtverträglichen Rückbau des Wohnungsbestandes zu erreichen, dürften die größten Herausforderungen für Selb sein.

Mit der Aufnahme des Stadtteils Vorwerk in das Bund-Länder-Programm "Die soziale Stadt" ist in einem ersten Wohnquartier mit der Umsetzung von Stadtumbau-Strategien begonnen worden. Der Schwerpunkt im Programm Stadtumbau West liegt auf (Zwischen-) Nutzungskonzepten für Industriebrachen, Aufwertung des öffentlichen Raums sowie auf Bedarfsanpassungskonzepten hinsichtlich des Wohnungsüberangebotes.

 

 
nach oben