Tagungsergebnisse zum 5. Fachöffentlichen Forum im ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West

am 21./22.06.07 im Choreographischen Zentrum auf der Zeche Zollverein

 

Dritter Veranstaltungsblock:

Stadtumbau sichtbar in Wohnquartieren

Stadtumbau in Wohnquartieren verfolgt städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Lösungen in Quartieren mit hohen Leerständen oder Leerstandsrisiken. Dabei unterscheiden sich Problemlagen und Lösungsstrategien in Wohnsiedlungen aus den 1950er Jahren bzw. 1960er/70er Jahren von Altbauquartieren im Eigentum von Wohnungsunternehmen sowie von Gründerzeitquartieren im zersplitterten Eigentum.

  • Den erfolgreichen Stadtumbau einer Hochhaussiedlung aus den 1970er Jahren erläuterte Herr Martin Paßlack, technischer Leiter der GEWOBA AG Wohnen und Bauen am Beispiel der Siedlung Osterholz-Tenever in Bremen. In der Hochhaussiedlung mit ehemals 2.649 Wohnungen wurden seit 2003 ca. 1.000 Wohnungen abgerissen, ca. 650 Wohnungen modernisiert, das Wohnumfeld neu organisiert und attraktiviert und soziale Infrastruktureinrichtungen verlegt. Der Stadtumbau erfolgte bis 2006 durch eine öffentlich-private Grundstücksgesellschaft (otg mbH), die die Kommune und das Wohnungsunternehmen eigens für diesen Zweck gegründet hatten. Seit 2006 hat das Wohnungsunternehmen die Anteile der Kommune übernommen und steuert den Prozess eigenständig. Nicht zuletzt nach einer aufwändigen Imagekampagne im Frühjahr 2007 steigen die Vermietungszahlen und findet Osterholz-Tenever positive Aufmerksamkeit in der Stadt. Diese Signale schaffen Mut für eine Fortschreibung des Stadtumbau-Konzeptes, das u. a. auf Eigenheimbau auf rückgebauten Flächen im Nordteil der Siedlung zielt. Die Präsentation von Herrn Paßlack finden Sie hier.
  • Im Mittelpunkt des Stadtumbaus der innenstadtnahen Gartenstadtsiedlung in Wilhelmshaven-Siebethsburg, die zwischen 1900 und 1940 erbaut wurde, stand die zielgruppenspezifische Anpassung von Altbauwohnungen. Herr Frank Menzel, Vorstandsvorsitzender des Bauvereins Rüstringen e.G. beschrieb anschaulich den Erfolg dieser Zielgruppenorientierung in einer von Schrumpfung betroffenen Stadt: Mit Wohn- und Dienstleistungsangeboten für ältere Menschen durch Umbau von Gebäuden hat sich der Stadtteil Siebethsburg als Full-Service-Stadtteil für ältere Menschen etablieren können. Durch den Ausbau einer Begegnungsstätte konnte ein stadtteilbezogener und generationsübergreifender Treffpunkt geschaffen werden. In Folge der kinder- und familienorientierten Umgestaltung von Gebäuden und Wohnumfeld sind Familien in den Stadtteil zugezogen und durch spezifische Wohn- und Dienstleistungsangebote für Studierende und Auszubildende wurden einerseits junge Menschen angesprochen und konnten andererseits Leerstände an verkehrsbelasteten Wohnstandorten beseitigt werden. Nicht zuletzt die Stadtumbau-Maßnahmen haben dazu geführt, dass nach langjährigen Einwohnerverlusten seit 2003 Zugewinne im Stadtteil zu verzeichnen sind. Die Präsentation von Herrn Menzel finden Sie hier.
  • Herr Bürgermeister Rainer Mänder berichtete aus der auf der Schwäbischen Alb gelegenen ehemaligen Textilstadt Albstadt. Er führte aus, dass der Niedergang der Textilindustrie nicht nur über 50 Textilbrachen hinterlassen hat, sondern dass der auf die Strukturkrise folgende Einwohnerverlust auch Nachfragerückgänge in der 1950er-Jahre-Wohnsiedlung Stiegel-Nord mit sich brachte. Wegen der hohen strukturellen Wohnungsleerstände wurde in Kooperation von Kommune und den beiden Wohnungsunternehmen der 553 Wohnungen ein Neuordnungskonzept erstellt, das Rückbau und Modernisierung von Gebäuden sowie Attraktivierung des Wohnumfelds und Wiedernutzung frei gelegter Flächen als Wohnbauland für Einfamilienhäuser vorsieht. Dieses Neuordnungskonzept wurde innerhalb von drei Jahren erfolgreich umgesetzt, Wohnungsleerstände gibt es seitdem nicht mehr. Die Vermarktung der Grundstücke für Einfamilienhäuser stockt allerdings derzeit noch, weil die allgemeine Nachfrage in Albstadt deutlich zurückgegangen ist. Mehr zum Stadtumbau auf Stiegel-Nord finden Sie in der Präsentation.
  • Herr Dr. Henning Budelmann, Leiter des Stadtplanungsamtes der Stadt Bremerhaven, formulierte die hohe Bedeutung der Anpassung von sozialer Infrastruktur im Rahmen des Stadtumbaus von Wohngebieten am Beispiel eines Gründerzeitgebietes und einer 1950er-Jahre-Siedlung in Bremerhaven. Er hob dabei hervor, dass die Nachfragerückgänge im Rahmen von Stadtumbau-Prozessen auch Chancen für Qualitätsgewinne böten. So seien beispielsweise zwei Schulen im Gründerzeitgebiet Bremerhaven-Lehe aufgegeben worden: eine für einen attraktiven Quartiersplatz, eine andere für ein kulturelles Zentrum mit Dienstleistungsangeboten insbesondere für Familien. Gleichzeitig wurde eine dritte Schule, die nun Einzugsgebiet für alle Schüler ist, baulich verbessert und erweitert und erhielt ein neues, auf die spezifischen Bedarfe des Stadtquartiers bezogenes pädagogisches Profil. So bringe der Rückbau von Schulinfrastruktur gleichzeitig eine qualitative Verbesserung des Angebots mit sich. Die Präsentation von Herrn Dr. Budelmann finden Sie hier.

Podiumsgespräch
"Blick auf die Erfahrungen aus Sicht des Bundes, des Landes, der Kommune und der Forschung"

Teilnehmer:
Manfred Hilgen, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Sabine Nakelski, Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen
Hans-Jürgen Best, Geschäftsbereichsvorstand Planen der Stadt Essen
Evi Goderbauer, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
Prof. Elke Pahl-Weber, Technische Universität, Berlin

Moderation:
Martin Karsten, Forschungsagentur Stadtumbau West, FORUM GmbH

Mit dem Podiumsgespräch wurde das Ziel verfolgt, auf der Basis der vorgestellten kommunalen Stadtumbau-Erfahrungen aus Sicht von Bund, Land und Forschung die bedeutsamen Herausforderungen des Stadtumbaus in Westdeutschland herauszukristallisieren und ggf. notwendige Anpassungen von Förder- und Rechtsinstrumentarium zu formulieren. Folgende Themenstellungen standen im Vordergrund:

Städtebaurecht:
Unter den Podiumsteilnehmern bestand Einigkeit darin, dass die Erfahrungen der Pilotstädte mit ihren Stadtumbau-Prozessen grundsätzlich ein konsensuales Verfahren als bevorzugten Weg im Stadtumbau bestätigten. Mit dem in den Städten verfolgten Pragmatismus, die umsetzbaren Maßnahmen mit den kooperationsbereiten Eigentümern vorzuziehen, seien sichtbare Erfolge erzielt worden. Einzelne Vertreter auf dem Podium vermuteten, dass die Möglichkeiten des Städtebaurechts in Form der Anwendung des Sanierungsrechts oder einer Stadtumbau-Satzung in den Kommunen noch nicht ausreichend eingesetzt würden. Die Anwendungsprozesse seien zwar häufig langwierig, könnten aber parallel zur Überzeugungsarbeit auch bei nicht-kooperativen Eigentümern zum Erfolg führen. Während die Teilnehmer des Podiumsgesprächs weniger eine Notwendigkeit der Anpassung des BauGB-Instrumentariums sahen, formulierten Vertreter zweier Pilotkommunen aus dem Publikum den Bedarf der Anpassung des Zwangsversteigerungsrechts bzw. der Vereinfachung von Gebotslösungen.

Städtebauförderung:
Insgesamt wurde die Städtebauförderung als ausreichend flexibel und gut mit anderen Programmen kombinierbar gewertet. Bei der Kombination mit anderen Förderprogrammen habe sich die Unterstützung des Landes durch sog. Fördermittelkonferenzen für einzelne Stadtumbau-Vorhaben bewährt.
Bündelungspotenzial bei Stadtumbau-Vorhaben wurde in Bezug auf die "Belohnung" von Kooperation von Akteuren im Stadtumbau gesehen: So könnte beispielsweise ein günstigerer Fördersatz für den Fall der Zusammenarbeit von Wohnungsunternehmen beim Stadtumbau einer Siedlung zur Bündelung der Aktivitäten ebenso beitragen wie die Besserstellung bei der Förderung, wenn mehrere Kommunen in interkommunaler Abstimmung Stadtumbau betreiben.
Als für den Stadtumbau zu statisch wurde die Einführung der degressiven Staffelung der Fördergelder über den Förderzeitraum gesehen: Die Pilotstadterfahrungen hätten gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit Eigentümern einer ein- bis zweijährigen Vorbereitung bedarf, so dass die höchsten Förderbedarfe bei den Kommunen erst ab dem dritten Jahr eines Stadtumbau-Prozesses zu erwarten seien.

Wissenstransfer:
Die Pionierrolle der Pilotstädte im ExWoSt-Forschungsfeld und die Auswertung ihrer Erfahrungen für die Fachöffentlichkeit haben sich nach Ansicht der Teilnehmer des Podiumsgesprächs als günstige Rahmenbedingung für die Einführung des Regelprogramms Stadtumbau West herausgestellt. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung beabsichtigt, diesen erfolgreichen Weg fortzusetzen, indem 2008 eine Transferstelle für den Stadtumbau West eingerichtet werden soll, die die Erfahrungen der Regelprogramm-Städte und auch der ExWoSt-Städte beobachtet und für die Fachöffentlichkeit aufbereitet.